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Pumpgun
(MAUERFALL)
Sie wollte
ihm gefallen.
Ich habe es noch niemandem vorgelesen,
sagte sie
und er bat sie:
Lies es mir noch einmal vor
Und
tatsächlich
wieder öffnete sich weit
sein Herz
wie sie dastand
vor den leeren Schulbänken
und ihm ihr Gedicht vortrug
ihm allein vortrug
ihr Gedicht
Und
wie sein Atem pochte
wieder und
wie das Blut ihm
wieder in die Lende schoß
wurde er gewahr
wieder
wie tief
der Alltag ihn eingemauert hatte in sich selbst
doch wurde er gewahr nun
wie seine Brust ihn plötzlich freibebte
Und
den Splittern einer einstürzenden Glasscheibe
gleich
schrammten seine Lippen über ihre Wange
und als sanft
er
erschrak und zurückwich
wurde er gewahr
wie still bloß
sie
aus dem Fenster blickte
Es ist besser
wenn ich jetzt gehe
sagte er und
stumm und
mit gesenktem Haupt
verließ er den Klassenraum
der Lehrer
Und wie sie
ihn gehen sah
durch das Schultor hinaus auf die Straße
flüsterte sie
lauf doch nicht einfach vor Dir davon
Und wie sich
niederschlug
auf der Fensterscheibe die Zartheit ihres Atems
ließ sie
ihre vollen Lippen bannen ihn
und ihn erdrücken ihre Zunge
schweigend und naß
Der
Schriftsteller und der Fotograph
(Schule des Sehens)
für
Vincent
Ein
Laubblatt,
das der Wind in die Höhe weht,
ein erstmalig erfahrenes Gefühl
der Einsamkeit eines Steines,
den wir mit dem Fuß aus dem Weg stoßen,
oder ein auf dem Tisch stehengebliebenes leeres Wasserglas
verhelfen uns, in die Nähe des Erlebnisses zu kommen,
das Kunst gestaltet.
(Oskar Kokoschka)
1
Wie
kommt er auf die Idee, am letzten Freitag des Novembermonats durch die
Galerien der Kolonie Wedding zu latschen? Nein, wie kommt er vielmehr
auf die Idee, darüber auch noch etwas mitteilen zu wollen, etwas schriftlich
niederzulegen ausgerechnet darüber? Nein, wie kommt sie auf die Idee, ihm
diese Geschichte zu erzählen? Ja, wie kommt sie nur auf diese Idee?
Morgen
schon, nein, leider erst übermorgen, wird sie ihm noch einmal diese
Geschichte erzählen. Und dann, das hat er ihr versprochen, werde er sich
Notizen machen, um diese Geschichte aufzuschreiben und, ja, sogar
vorzulesen! (Vielleicht noch heute, vielleicht sogar zur Überraschung aller
hier vor Ihnen, um zur Lesung unbedingt etwas beizutragen, etwas ganz von
ihm persönlich, in seinem Kiez, von seinem Selbst.)
Er könne
besser zuhören, wäre dann anders darauf vorbereitet, ihr zu zuhören,
versicherte er ihr, und dabei hat er ihr schon zugehört, wie sie ihm die
Fotos erklärte, nein, warum ihr diese Fotos so gefallen, daß sie sie
ausgestellt hat.
Er lief
ihr schon beim Eintritt in die Galerie über den Weg. Sie schoß ein Foto von
ihrer Galerie oder irgendetwas daran, das an diesem Eingang zu sehen war. Da
wußte er noch nicht, daß sie von der Galerie war. Trotzdem hat sie ihm auf
Anhieb gefallen. Sie inszenierte nicht das Faktum, daß sie etwas
fotographierte, wie die meisten Kolonie-Künstler bloß inszenieren, daß sie
etwas ausstellen, also mehr sich als Ausstellende ausstellen als das
eigentlich Auszustellende, nämlich ihre Kunstwerke, hinter die sich der
Künstler zurücknimmt – sagte er sich. Ist die Künstlichkeit der
Selbinszenierung nicht das Natürlichste, weil Selbstverständlichste, wenn es
sich bei den Werken gar nicht um wirkliche Kunst handelt? – fragte er sich.
Zumindest will er behaupten, daß, wenn er sich schon einbilde, das alles
selbst besser zu können, wenn er sich nur den ganzen lieben langen Tag damit
beschäftigen wollte, daß er dann nicht von Kunst sprechen könne. Denn er
wisse doch immerhin zu erkennen, ob sich in einem Werk nicht bloß eine
Beschäftigung zum Ausdruck bringt, oder ob ein Werk vielmehr ihm eine Form
der Betrachtung nahezubringen versteht, über die er ohne das Kunstwerk nicht
verfügen kann. Ist eine solche Mitteilung – so fragte er sich weiter – nicht
zumindest geeignet, sich dem Verdacht auszusetzen, den Anspruch von wahrer
Kunst (nämlich eine eigene Form zu setzen, oder wenigstens das Problem der
eigenen Formsetzung künstlerisch zu philosophieren) nicht schon längst
aufgegeben zu haben, um einem Getriebe zu gehorchen, das außer der
Selbszinszenierung des Kiezes und seiner Protagonisten nichts im Sinne hat?
Keine
Kunst, nicht mal interessante Frauen, so weit das Auge blickt, was mache ich
hier überhaupt? Was suche ich wirklich? – fragte er sich.
Jedenfalls war sie neu in Berlin. Und kam frisch aus Moskau. Und neu auch im
Kiez zu sehen, was die Art, Fotos zu machen, angeht. Er jedenfalls konnte
sie mit Worten nicht beschreiben. Auch sie konnte sie ihm nicht wirklich
beschreiben, diese Art. Allerdings läßt sich genau beschreiben, wie sie es
ihm beizubringen versuchte, warum ihr die Bilder so gefielen, und wie es ihr
gelang, ihn die Bilder mit den Augen des Fotographen sehen zu lassen.
Ich will
es ohne Umschweife offenbaren.
Ich habe sehen gelernt. In ihre Augen.
Ich habe lesen gelernt. Ihre Freude.
Ich habe hören gelernt. Ihre Stimme.
Ich habe atmen gelernt. Ihren Duft.
Ich habe schmecken gelernt. Ihr Haar.
Ich habe spüren gelernt. Ihren Raum.
Ich habe beobachten gelernt. Die Verkleidung
ihrer Fesseln.
Ich habe - mich einfach hingesetzt.
Sie hat sich entschuldigt. Sie habe einen Gast,
ich sei willkommen, wiederzukommen.
Morgen schon will sie ihm die Geschichte noch
einmal erzählen.
Nein, übermorgen erst, wird er sich alles
aufschreiben können.
Damit er es einem Publikum vorlesen kann.
Sie hat eine Geschichte für ihn.
Ja, das hat sie wirklich gesagt.
Und sie meinte es ernst. Wirklich ernst.
Er mußte
sich entschuldigen bei seinem Publikum. Er wußte nicht, wie er sie erzählen
sollte.
Diese
Geschichte.
Aber
nein, er vergaß: Es war ja erst heute. Noch nicht morgen. Nein, übermorgen
erst, – war heute auch noch nicht.
Also,
wir brauchen Geduld. – sagte er.
2
Die
junge Frau war Friedhofsgärtnerin. Genau wie ihr Mann. Und als sie das erste
Mal nach Berlin fuhr, war es, um als Komparsin in einer Fernsehshow
mitzuwirken. In ihrer Lieblingsfernsehshow. Sie hatte diesen Preis gewonnen:
als Komparsin in ihrer Lieblingsfernsehshow mitwirken zu dürfen.
Sie
lebte und arbeitete immer nur am Rande der Stadt. Auf den Friedhöfen. Mit
ihrem Mann. Der auch so ein unbedeutender Freidhofsgärtner war. Nun aber gab
sie Geld aus, um zum ersten Mal nach Berlin zu fahren. Über die
Mitfahrzentrale hatte sie den Kontakt zu einem Fahrer geknüpft.
Sie
hatte Angst, vor dem Fahrer, Angst, von ihm vergewaltigt zu werden. Es war
ein Fotograph. Sie fuhr zum ersten Mal mit einer Mitfahrgelegenheit. Und zum
ersten Mal nach Berlin. Sie hatte Angst, vergewaltigt zu werden, von dem
Fahrer, der ein Fotograph war. Sie entschuldigte sich bei dem Fotographen,
daß sie eine solche Angst vor ihm hatte. Und sie rief ihren Mann an, der mit
dem Fahrer, dem Fotographen, sprechen sollte. Als der Fahrer dem Mann
versicherte, daß er ein ganz normaler Mensch sei und seine Frau nicht
vergewaltigen würde, war sie ein wenig beruhigter auf dem Weg nach Berlin,
ihrer ersten Reise nach Berlin und gleich zu der Fernsehshow, wo sie als
Komparse mitwirken durfte, diesen Preis hatte sie bekommen von der
Fernsehshow, die ihre Lieblingsshow war.
Man führe sich vor Augen, was das besagt, 50 Euro, die ein Komparse
normalerweise kostet plus Verpflegung, und diese Frau bewegt sich einen
ganzen Tag hin nach Berlin und einen ganzen Tag zurück nach Berlin, um einen
ganzen Tag am Set zu stehen und zu frieren und die Nächte. – sagte er. Diese
Geschichte, sagte er, habe sie ihm erzählt, zwei Tage nachdem er sie
kennengelernt hatte, ein zweites Mal genauso wie am ersten Tage. Ihre Augen
leuchteten, sagte er. „Die Filmschaffenden suchen immer nach besonderen
Geschichten, und dabei gibt es eine solche Friedhofsgärtnerin, die umsonst
einen ganzen Tag am Set steht, für eine Fernsehshow den ganzen Tag lang
friert, wo andere Komparsen wenigstens 50 € bekommen dafür, für diese
Friedhofsgärtnerin aber interessiert sich niemand, wo doch alle eine
Geschichte suchen, und dabei lebt sie am Rande der Stadt, führt dieses
eigenartige Leben mit ihrem Mann, auf den Friedhöfen, am Rande der Stadt.
Und die dann ausbricht, sich auf den Weg nach Berlin macht, zum ersten Mal
in ihrem Leben, und sich der Gefahr einer Vergewaltigung während einer
Mitfahrgelegenheit aussetzt, um den Preis entgegenzunehmen, um life dabei zu
sein in ihrer Lieblingsshow.“ Sie sei wirklich verzweifelt gewesen über
diese Frau, sagte er.
„Ich kann diese Geschichte
nicht erzählen.“ Resigniert übergab er mir seine Aufzeichnungen. „In
Wahrheit interessiert sie mich überhaupt nicht.“ In Wahrheit interessiere
ihn nur diese Frau, diese einzigartige Frau. Sie habe einmal beim Film
gearbeitet, als zweite oder dritte Regieassistentin sich um die Kontinuität
gekümmert, oder wie sich das auch immer auf Englisch nennen will, versuchte
er mir zu erklären. „Ich kann doch nicht aller Welt offenbaren, was ich von
der Frau eigentlich wollte. Nun hat sie mir diese Geschichte wirklich
erzählt. Geh, schreib Du sie auf. Ich will sie nicht enttäuschen. Sie will,
daß jemand diese Geschichte erzählt. Ich kann diese Geschichte beim besten
Willen nicht erzählen.“
„Was
ist mit dem Fotographen in der Geschichte? Ist er aus Düsseldorf?“
„Ja“,
antwortet er, „er ist tatsächlich aus Düsseldorf. Woher weißt Du?“
„Dann
hat also der Fotograph, dessen Bilder sie ausgestellt hat, ihr diese
Geschichte erzählt?“
„Ja.
Ich weiß nicht, ob seine Bilder wirklich so gut sind. Wahscheinlich sind sie
auch nicht anders als diese Geschichte. Wirst Du mir nun den Gefallen tun,
diese Geschichte zu erzählen?“
„Nein.
Das werde ich nicht tun.“ antwortete ich.
„Dann
wenigstens ihr zuliebe.“ flehte er mich an.
„Auch
nicht.“ sagte ich, „Das Einzige, was ich tun werde, ist, dem Fotographen die
Wahrheit über Dich zu erzählen.“
„Und
die Geschichte?“
„Die
Geschichte ist solange keine Geschichte, bis Du verstanden hast, warum Du
sie erzählen sollst.“
„Aber
ich verstehe sie nicht!“ schrie er mich an.
„Wenn
Du verstehen willst, mußt Du sehen lernen.“
sagte ich ruhig, schloß die Augen und wartete, bis er ging.
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Paula Balov
Annamaria Balov
Doroteja Novosel
Christine Mösch
Holger Haak
Jürgen
Nafti
Nouri Hassan Al-Kubaisi
Gastautoren:
Naomi Bendt,
Maroula Blades,
Gordon Gatherer,
Anthony Baggette,
Slovokult
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Jeanette Pichen & Maria Meyer
Stefan Thielke &
Anka Luna
Frank Pieperhoff
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Fred Schumacher
Vadim Fadin |